Reading Time: 22 minutes

In der Shiatsu-Welt gibt es einige wirklich faszinierende Menschen. Einer von ihnen ist Bernardo Corvi, den wir in diesem Interview vorstellen. Er ist Shiatsu-Praktiker, Lehrer, Fachautor zum Thema und Unternehmer. Er ist nicht nur ein unermüdlich Reisender und beständig arbeitender Mann, sondern vor allem hat er sein Shiatsu-Wissen in den Dienst benachteiligter Menschen gestellt. Denken wir z.B. an Gefangene, Prostituierte, Gauner, buddhistische Mönche und Priester… er kümmert sich um alle, ohne einen Unterschied zu machen. Für ihn hat es jeder Mensch verdient, daß ihm geholfen wird.


Ivan Bel: Hallo Bernardo Corvi. Ich freue mich sehr, dieses Interview mit Ihnen zu führen. Sie sind wirklich ein erstaunlicher Mensch. Als Unternehmer haben Sie die Marke „Tatamiportable.com“ entwickelt, aber das ist es nicht, was mich heute interessiert. Ich würde gerne über die vielen Dinge sprechen, die Sie getan haben und auch über die soziale Dimension, die Sie durch Ihr Shiatsu leben. Könnten Sie mir zunächst sagen, wer Sie sind, woher Sie kommen und wie Shiatsu Teil Ihres Lebens wurde?

Bernardo Corvi: Hallo Ivan, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, die Sie mir gegeben haben. Mein Name ist Bernardo Corvi, ich lebe in Italien, in einem kleinen Dorf namens Lesignano de‘ Bagni, in der Provinz Parma. Anfang der 80er Jahre lernte ich Shiatsu kennen; ich würde sagen, durch Zufall. Bis Anfang der 90er Jahre verwendete ich meine eigene Berührungstechnik, die ich als Autodidakt nur sporadisch praktizierte. Mitte der 90er Jahre habe ich meine Ausbildung in einer der repräsentativsten Shiatsu-Schulen Europas perfektioniert: der Accademia Italiana Shiatsu Do. Ich spürte sofort das enorme psychologische, soziale und menschliche Potential, das diese Kunst bot. Sie faszinierte mich von den ersten Momenten der Praxis an. Die Shiatsu-Praxis eröffnete mir neue Chancen und Möglichkeiten für intensive und tiefe menschliche Beziehungen.

Historisch gesehen war Italien das erste europäische Land, in dem Shiatsu praktiziert wurde. Kennen Sie den ersten Italiener, der es eingeführt hat? Sind Sie ihm persönlich begegnet?

Die erste Europäer, der Shiatsu in Italien und außerhalb Japans einführte, war Rodolfo Palombini [i]. Als er 1964 mit den italienischen Mannschaften bei den Olympischen Spielen in Tokio war, besuchte er das Nippon Shiatsu College in Namikoshi. 1981 gründete er die italienische Shiatsu-Schule in Rom, die heute von seinem Sohn Fulvio [ii] geleitet wird. Eine Bezugsperson für Shiatsu in Italien ist Meister Yuji Yahiro, der im Februar 1974 Shiatsu zu praktizieren begann und das Studium des Shiatsu im „Bu sen“ – Zentrum in Mailand förderte. In diesem Zentrum begann 1975 auch einer der wichtigsten Vertreter des Shiatsu in Italien seine Studien: Mario Vatrini [iii]. Als echter Forscher hatte er brillante Ideen, wertvolle Anregungen und revolutionäre Beiträge zur Praxis des Shiatsu in Italien.

Shiatsu-Praxis in San Cristobal de las Casas – Chiapas, Mexiko

2004 lernte ich Mr. Yahiro kennen und besuchte ein von ihm geleitetes Seminar, bei dem unter anderem auch der Sohn von Rudy Palombini sowie Fulvio und Mario Vatrini anwesend waren.

Heute ist Shiatsu in Italien weit verbreitet und sein Niveau gilt als eines der besten in Europa. Wie ist die Situation des italienischen Shiatsu heute? Sind Sie vom Staat anerkannt?

In Italien ist Shiatsu eine offene Tätigkeit. Der Shiatsu-Praktizierende muss weder ein Diplom vorweisen, noch muss er in bestimmten Registern, Hochschulen oder Verbänden eingetragen sein. Es gibt keine Beschränkungen, die den Zugang zum Beruf verhindern könnten, und jeder kann diese Tätigkeit ausüben. Wenn er/sie sich dazu entschließt, die Ausübung von Shiatsu zu seiner/ihrer beruflichen Tätigkeit zu machen, muss er/sie die Vorschriften in Bezug auf steuerliche Verpflichtungen, Beiträge, Achtung der Privatsphäre usw. einhalten. Für diejenigen, die Shiatsu als Hobby, aus persönlichem Interesse und ehrenamtlich ausüben wollen, ohne dafür eine Vergütung zu erhalten, sind diese Verpflichtungen nicht zwingend.

In Italien wurde im April 2013 ein Gesetz verkündet, das die Referenzvorschriften für „nicht in Verbänden oder Kollegien organisierte Berufe“ oder auch „assoziative Berufe“ enthält und die Möglichkeit bietet, private Vereinigungen für Berufe ohne offizielles Register zu gründen. Das Gesetz wurde im Einklang mit den Grundsätzen der Europäischen Union über fairen Wettbewerb und freien Handel erlassen.

Die drei wichtigsten Berufsverbände für Shiatsu in Italien sind: APOSCOSFISIEO, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen, um vom MISE (Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung) anerkannt zu werden. Wie oben beschrieben, ist die Mitgliedschaft in einem Verband zwar nicht obligatorisch, aber sie repräsentieren das Gesicht des Shiatsu-Berufs gegenüber dem Staat. Auf diese Weise wird sowohl die Qualität der Ausbildung gewährleistet als auch die notwendige Klarheit geschaffen, damit sich der Klient bei einer Shiatsu-Behandlung sicher fühlt.

Kommen wir zurück zu Ihnen. Shiatsu war für Sie eine solche Offenbarung, dass Sie schon sehr früh beschlossen haben, es über die italienischen Grenzen hinaus anzubieten und Kurse in Mexiko, Kuba und an der Universität von Brasilia zu geben. Bitte erzählen Sie mir davon. Wie kam es dazu?

Als ich in die Praxis einstieg, stellte ich fest, dass die Qualität meines Lebens parallel dazu zunahm. Ich fühlte und fühle mich jedes Mal zufrieden und begeistert, wenn ich meine Hände auflege und Shiatsu mit Menschen praktiziere. Jeder Kontakt ist eine neue, intensive und intime Erfahrung, die in neue Bewußtseinszustände führen kann.

Durch die freiwilligen Praktiken entdeckte ich, dass Shiatsu in all jenen Bereichen wirken kann, in denen sich Türen höchstwahrscheinlich nicht öffnen würden, insbesondere in Bereichen mit schwerem sozialem Elend. Während ich die Schule leitete, kümmerte ich mich auch um die Ausbildung in meiner Region und hatte, auch dank meiner Schüler, die Möglichkeit, verschiedene Freiwilligeneinsätze zu organisieren. Dabei handelte es sich um Einsätze in psychiatrischen Einrichtungen und Gefängnissen, aber zum Beispiel auch um die Bereitstellung von Shiatsu für die Opfer des Erdbebens in der Emilia-Romagna im Jahr 2020, während die Menschen in provisorische Zeltunterkünfte lebten.

Bernado vor der kubanischen Fahne

Es war jedoch ein bestimmtes Ereignis, das mich nach Brasilien brachte.  Ich war in Projekte der Vereinigung, „Shiatsu Do volontariato“, involviert, die ihrerseits Missionen in Brasilien durch die Initiative „FLY“ (Felipe de Lyon) unterstützte. FLY wurde von der vor einigen Jahren verstorbenen Donna Vittoria Garofalo geleitet, die Mario Vatrini auf einer Reise zu seinen Studien über die Trancebedingungen in Umbanda kennenlernte [iv]. Ziel des Projekts war es, Kindern in einer Stadt, die nur wenige Autostunden von Brasilia entfernt liegt, eine Schulausbildung und eine tägliche warme Mahlzeit zu ermöglichen: in Palanaltina de Goyas. Zu dieser Zeit arbeitete ich an meinem ersten Buch, einem Gedichtband, inspiriert von der inneren Bewegung, die aus meiner Praxis entstand. Ein tragisches Ereignis, der dramatische Tod der 18-jährigen Valentina, der Tochter meiner engsten Mitarbeiterin und Kollegin, veranlasste mich zu der Frage, wie ich das große Werk dieses Mädchens und ihrer Mutter, die sich als Organspenderinnen zur Verfügung gestellt hatten, um das Leben anderer zu retten, weiterführen könnte. Ich fand einen Verleger, der der Sache aufgeschlossen gegenüberstand, und wir druckten Exemplare des Buches und spendeten den gesamten Gewinn an das Projekt in Brasilien. Dies öffnete mir die Türen zu meiner eigenen bereichernden Reise dorthin, bei der ich an einer Shiatsu-Ausbildung teilnahm, die von einem brasilianischen Ausbilder unserer Schule initiiert wurde, bei der ich sowohl als Supervisor als auch als „Senior“ – Ausbilder fungierte und die dazu führte, daß wir einige Sitzungen mit Studenten der Fakultät für Physiotherapie der Universität Brasilia abhielten.

Gruppenfoto nach dem praktischen Seminar mit den Physiotherapiestudenten der Faculdade de Educação der Universität von Brasilia.

Alle meine nachfolgenden Bücher, die sich mit verschiedenen Aspekten meiner Praxis befassten, folgten der Valentina gewidmeten Mission, und auch hier wurden alle Gewinne stets zur Unterstützung verschiedener Freiwilligenprojekte in Italien und im Ausland gespendet. Die Leitung der Ausbildung einiger dieser Projekte führte mich nach San Cristobal de las Casa, Chiapas, und La Habana, Kuba. Über unsere Erfahrungen, die ich zusammen mit einem in Kuba lebenden Kollegen geschrieben habe, berichte ich in einem anderen Buch (siehe Liste der Bücher am Ende dieses Artikels).

Das ist unglaublich! Was für eine Geschichte! Eine weitere wichtige Initiative von Ihnen war die Eröffnung des ersten Shiatsu-Kurses der Welt in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen, die Straftaten begangen haben. Das ist beeindruckend! Man könnte Angst vor solchen Menschen haben, aber anscheinend hatten Sie keine. Wie sind Sie bei der Leitung der Einrichtung vorgegangen und haben Sie sich gleichzeitig um diese Menschen gekümmert? Was waren die Ergebnisse?

Das Projekt, einen Shiatsu-Kurs in der REMS (Residenz für die Durchführung von Sicherheitsmaßnahmen) von Casale di Mezzani (Parma) durchzuführen, entstand aus der Bereitschaft der ARS (Regionale Gesundheitsagentur) [v] von Parma, die Shiatsu-Praxis in ihre Bildungsprogramme für die Gäste der Einrichtung aufzunehmen. Die Wirksamkeit dieses Programms wurde bereits in anerkannten Behandlungen über mehr als fünfzehn Jahre von der Direktion für psychische Gesundheit und pathologische Abhängigkeiten getestet. Die Einrichtung Casale di Mezzani, organisierte beginnend im September 2015 (dem Jahr der Eröffnung dieser Einrichtung) sowie für die nachfolgenden Jahre wirksame Behandlungen für alle Patienten. Keine Ausnahmen!

Praktiken im „Haus von Tibet“ in Votigno di Canossa (Reggio Emilia – Italien), einem Kulturzentrum, das unter dem direkten Segen S.H. des XIV. Dalai Lama entstanden ist.

Mit dem Gesetz 81 von 2014 wurde in Italien eine Gesundheitseinrichtung geschaffen, die im Rest der Welt ihresgleichen sucht. Die Reise begann vor mehr als 40 Jahren mit dem berühmten Gesetz 180 von 1978, das die Schließung psychiatrischer Kliniken vorschrieb. Mit diesem Gesetz ging eine Ära zu Ende, nämlich die der strafrechtlichen Behandlung von Geisteskranken. Nach der italienischen Verfassung kann niemand strafrechtlich verfolgt werden, der zum Zeitpunkt der Begehung einer strafbaren Handlung als einsichts- und willensunfähig eingestuft wurde. Bis zum Inkrafttreten des Gesetzes wurden Psychiatriepatienten, die eine Straftat begangen hatten, in Einrichtungen eingewiesen, die als „Gerichtliche Psychiatrische Krankenhäuser“ bezeichnet wurden und in Wirklichkeit Strafanstalten waren. Dort werden paradoxerweise diejenigen, die eine Straftat begangen haben, die durch ihre Pathologie verursacht wurde, zu einer höheren Strafe verurteilt als diejenigen, die dieselbe Straftat ohne Pathologie begangen haben. Bei den REMS handelt es sich nicht um gerichtliche Strukturen, sondern um Gesundheitsstrukturen, in denen die Menschen vom zuständigen Richter betreut werden und bestimmten Anforderungen genügen müssen. Die Hauptaufgabe dieser gemeindepsychiatrischen Einrichtungen beruht auf dem Prinzip der „Genesung“, und das Hauptprojekt besteht in der Durchführung eines individualisierten therapeutischen Projekts, das darauf abzielt, die einzigartigen Fähigkeiten jedes Einzelnen wiederzuentdecken und zu fördern. Das Hauptziel der Einrichtung ist neben der Gewährleistung der Sicherheit der Betreuung der Bedürftigen (wie in der Verfassung festgelegt) deren Wiedereingliederung in die Gesellschaft, um die aus der begangenen Tat resultierende soziale Gefahr zu durchbrechen.

Der Kurs war, wie man vermuten könnte, ein Experimentalkurs, der den Betreibern und Gästen der Einrichtung offenstand und zu außergewöhnlichen Ergebnissen führte, sowohl für die Empfänger als auch für die Shiatsu-Gebenden, die an dem Projekt beteiligt waren, aber auch für den Leiter der Einrichtung. Ich werde in meinem nächsten Buch: „Ein besonderer Zustand des Seins, psychologische, soziale und menschliche Aspekte der Shiatsu-Praxis im sozialen Bereich“ darüber berichten. Eine futuristische Reise, die unsere Motivationen, Ängste und Befürchtungen zutiefst berührte und im Gegenzug intensive Emotionen auslöste, indem sie Barrieren und Vorurteile überwand, indem sie uns den Menschen und nicht sein Verbrechen entdecken ließ.

War es diese Erfahrung, die Sie dazu veranlasst hat, Behandlungen im Gefängnis „La Pulce“ in der Region Emilia-Romagna durchzuführen?

Nein, im Gegenteil, dank meiner Erfahrungen als Freiwilliger in Gefängnissen – zuerst im Beccaria-Gefängnis für Minderjährige in Mailand und dann im Gefängnis von Reggio Emilia – und meiner langjährigen Arbeit mit Shiatsu-Behandlungen im psychiatrischen Bereich hatte ich die Fähigkeiten, mich an einem so großartigen Projekt wie REMS zu beteiligen, als auch Shiatsu Behandlungen vor und nach dem Kurs durchzuführen. Die Projekte in den Gefängnissen entstanden dank der Kompetenz eines meiner Kollegen in Mailand in der Betreuung von Jugendlichen und dank der Bereitschaft eines meiner Studenten, der in der Gemeinde Reggio Emilia arbeitet. Er äußerte seine Absicht, unsere Behandlungen in die Gefängnisse zu bringen. Damals habe ich zugesagt, und dank der Zusammenarbeit zwischen uns – ich mit meinen Fähigkeiten, er mit seinem Wissen und dank des Interesses der Ratsmitglieder an der Sozialpolitik der Gemeinde – haben wir ein Projekt mit dem Gefängnisdirektor ausgearbeitet. Der große menschliche Aspekt dieser Erfahrungen wird sich auch in meinem nächsten Buch widerspiegeln.

Bernardo Corvi bei der Vorstellung eines seiner Bücher „Du bist nicht allein…“.

Man könnte sagen, dass Ihre Erfahrungen alle in die Richtung der Öffnung des Herzens gehen. Und dann kam im Mai 2012 das schreckliche Erdbeben in Mirandola, immer noch in der Emilia Romagna. Ich erinnere mich, dass Menschen starben, viele verletzt wurden und vor allem viele Gebäude zerstört wurden. Was haben Sie getan, als Sie von dieser Situation erfuhren?

Wieder einmal ist es die Zusammenarbeit, die es uns ermöglicht, solche großartigen Hilfsprojekte zu entwickeln. Die Rolle des Ausbilders ist eine Aufgabe, die einen weiten Horizont bietet, sowohl für die Schüler – sie haben die Möglichkeit, sehr intensive Erfahrungen zu machen, die in gewisser Weise als zutiefst spirituell angesehen werden können – als auch für den Wachstumsweg des Lehrers selbst. Es ist sehr lohnend, sich zur Verfügung zu stellen, um den Schülern zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen, wenn man weiß, daß man die Fähigkeiten hat, sie gemeinsam zu verwirklichen. Es ist eine Aufgabe des Lehrers, zu erkennen, was in den Seelen seiner Mitreisenden wohnt, es auf Eigenschaften und Umsetzbarkeit zu prüfen, um die vom Herzen geleiteten Erfahrungen zu gebären, wie Sie ganz richtig sagten. So wird aus einer Disziplin eine Lebenserfahrung.
Die Organisation unserer Anwesenheit im improvisierten Zeltlager in Mirandola war eine anstrengende Arbeit, die sowohl moralische und spirituelle Motivationen als auch körperliche Ausdauer erforderte. Wir haben Menschen unterstützt, die alles verloren hatten und sich, wenn auch nur für einige Augenblicke, in einer Blase des Friedens und der Gelassenheit wiederfanden. Wir praktizierten in Zelten, die der Zivilschutz dank des Sponsorings der Gemeinde Mirandola zur Verfügung gestellt hatte, wo die Temperaturen trotz Klimaanlage selten unter 50 Grad fielen. Mehr als 70 Praktiker aus ganz Italien, aus allen Schulen, waren daran beteiligt. Das Projekt führte zur Erstellung des Buches „The Angels of Shiatsu“ (siehe Ende des Artikels), das inzwischen vergriffen ist.

Shiatsu bei Ciccio, einem 90-jährigen Menschen in Italien.

Ich kann mir vorstellen, dass das Leben unter den Bedingungen einer Notsituation menschlich gesehen eine schwierige Zeit gewesen sein muss. Aber gleichzeitig ist es auch ein erstaunliches Abenteuer, zu sehen, was Shiatsu für Menschen in Not tun kann. Aus professioneller Sicht, was haben Sie aus dieser neuen Erfahrung mitgenommen? Hat sie Ihr Shiatsu verändert?

Sie haben Recht, wenn man Shiatsu in einem Kontext des Leidens praktiziert, sei es in der Bevölkerung oder bei Menschen in Schwierigkeiten, versteht man die wahre Bedeutung dieser Disziplin, die sich dadurch in eine Kunst verwandelt. Zweifelsohne ist Shiatsu eine Technik, die durch Druck mit den Handflächen, den Daumen, den Unterarmen und den Ellbogen Muskelverspannungen und Beschwerden aller Art lindert und die angeborene Lebenskraft jedes Menschen stimuliert. Aber seit einigen Jahren beginnt man in Italien, über ein nicht-therapeutisches Shiatsu nachzudenken, das man ein „Shiatsu der Werte“ nennen könnte. Die Wirksamkeit von Shiatsu ergibt sich gerade aus der innigen Beziehung zwischen den beiden an einer Behandlung beteiligten Personen, die es ermöglicht, den Zustand jedes Einzelnen entsprechend seiner Möglichkeiten, seiner Zeit und seiner Methoden zu verbessern. Dies könnte auch eine Antwort auf die Tatsache sein, dass Shiatsu eine sich ständig weiterentwickelnde Disziplin ist. Durch diese Praxis werden Lebensverbesserungen hervorgerufen, die auch von den Reizen beeinflusst werden, die dem sanften Druck auf den Körper folgen. So sind beide Beteiligten Menschen ähnlich Künstlern, befinden sich in einem beständigen sich gegenseitig beeinflussendem Flow. Dies führt zu einer echten Beziehung, die den Ausdruck des besten Teils jedes Einzelnen erlaubt. Der Weg ist dann frei für eine tiefe, intime Transformation, die zu einem höheren Bewußtseinszustand führt. Shiatsu wird also zweifellos als eine Begegnung definiert, ein Augenblick „außerhalb der Zeit“, der das Entstehen einer spontanen und subtilen Konversation mit einem eigenen, einzigartigen Code abseits des traditionellen verbalen Codes ermöglicht.  Eine Sprache, die nachdenklich, respektvoll und vor allem eine Sprache des Zuhörens ist. Eine Sprache, die aufmerksam und höflich ist und vor allem zuhört. Eine Ausdrucksweise, die frei von Grobheit und Oberflächlichkeit in der Lage ist, tiefe Schichten des Bewußtseins zu erreichen.
Ich habe meinem Freund Francisco Contino, Projektleiter in Kuba[vi], immer zugestimmt, wenn er sagt, dass „Shiatsu keine Massage ist, sondern eine Botschaft“. Die Art und Weise, Shiatsu zu praktizieren, entwickelt sich von Berührung zu Berührung, von Erfahrung zu Erfahrung, von Beziehung zu Beziehung. Wenn es ein Shiatsu für das Wohlbefinden gibt, gibt es auch ein Shiatsu für die Linderung. Wohlbefinden ist für viele erreichbar. Linderung kann für Menschen, die eher einen schwierigen Weg des körperlich, sozial oder menschlich Leidens gegangen sind, ein schwer zu erreichender Zustand sein.  Hier wirkt ein Shiatsu, das zuhört, statt zu suchen, das sich anpaßt, statt Veränderungen aufzuzwingen, das die Bedeutung seiner eigenen Berührung wahrnimmt.

Durch Ihr Leben als Shiatsu-Praktiker können wir sehen, wie sehr die soziale und humanitäre Dimension in Ihnen lebt, und ich muss sagen, dass ich das großartig finde. Heute geben Sie spezielle Seminare zum Thema „Shiatsu im Kontext schwerer sozialer Notlagen“. Können Sie mir kurz etwas darüber erzählen?

Es mag seltsam klingen, aber bei den Seminaren, die ich außerhalb der Ausbildung gebe, geht es nicht darum, neue Techniken zu lehren – da sind viele Kollegen viel kompetenter als ich –, sondern um die persönliche Entwicklung durch die Praxis des Shiatsu. Hier erscheint mir der Kommentar eines Praktikers aus Rom am repräsentativsten. Er sagte: „Ich habe viele Seminare mit vielen sehr guten Lehrern besucht, aber dieses Seminar ist das einzige, das mich zu mir selbst zurückgebracht hat„.

Es gibt keine besondere Methode, Shiatsu in einem Kontext schwerer sozialer Notlagen zu praktizieren, die nicht schon in unserem Alltag angewendet wird. In meinen Seminaren schlage ich keine neuen oder gar „wundersamen“ Strategien vor. Die Hauptsache ist, uns zu uns selbst zurückzubringen. Das heißt, ein Weg des Bewußtseins zu beschreiten, der es uns erlaubt, die Technik, die wir bereits besitzen, zu nutzen – um uns selbst, zusammen mit dem anderen, zu entdecken – vereint durch den Wunsch, Gefühle, Gemütszustände, Leiden, aber auch Momente der Erleichterung zu teilen. Ein Prozess der Wiederentdeckung dessen, was wir bereits können, doch mit größerer Aufmerksamkeit, um die Sanftheit in unseren Händen zu erkennen, die es uns ermöglicht, einander willkommen zu heißen und miteinander zu kommunizieren. Ein Prozess, der uns immer wieder daran erinnert, dass wir uns nicht aufdrängen, sondern zuhören sollen. Nicht zu begehren, sondern mit dem anderen zu fliegen und ihn als einen ergänzenden Teil von uns zu erkennen. Daher ist ein inneres Wachstum notwendig, das es uns erlaubt, in jedem Moment der Beziehung wahrzunehmen, dass der wichtigste Moment einer Shiatsu-Behandlung der ist, den Sie gerade jetzt erleben. Achten Sie auf die Atmung, auf das Lösen von Muskelverspannungen, auf das Gefühl des Gewichts, das auf dem Körper der anderen Person ruht und tief eindringt. Nehmen Sie die Tiefe des Körpergewebes, der Muskelbänder, aber auch die Tiefe der Gefühle und der Beziehung zueinander wahr.
Das alles geschieht auch durch gemeinsame Meditationen und, je nach Kontext, durch das Rezitieren von Mantras.

Shiatsu-Stunde in der Zentrale der Gruppe „Integracion Armonica“ in Havanna

Zu welchem Zeitpunkt in Ihrem Leben haben Sie beschlossen, neben Shiatsu auch Tatami-Matten herzustellen und daraus ein Geschäft zu machen?

Seit mehr als fünfzehn Jahren stelle ich diese transportablen Tatamis [vii] einzeln in einer kleinen Werkstatt in der Nähe meines Hauses her. Ich habe damit begonnen, weil ich feststellte, dass Studenten und professionelle Anwender eine Arbeitsumgebung brauchten, die leicht zu transportieren, bequem und mit einem weichen, knieschonenden Bezug versehen ist. Ich habe viele Materialien getestet, bis ich die gefunden habe, die ich jetzt verwende und die von höchster Qualität sind. Dank der Tatsache, dass ich jeden Tag auf diesen Tatamis trainiert habe, war ich in der Lage, spezifische Eigenschaften zu entwickeln und die Qualitäten zu testen, die für ein erstklassiges Produkt notwendig sind. Seit mehr als fünfzehn Jahren produziere ich mindestens 250 Stück pro Jahr und verschicke sie nicht nur in ganz Italien, sondern auch in die meisten europäischen Länder. Meine Tatamis sind auch in Kuba, Mexiko, Martinique, Brasilien und anderen Teilen der Welt zu finden. Als gelernter Schuhmacher wusste ich, wie man mit einer Maschine näht, und ich besitze immer noch mehrere Nähmaschinen. Ich bin dankbar dafür, dass ich durch die Verwendung meiner Tatami-Matten eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung von Shiatsu auf der ganzen Welt gespielt habe. Zu wissen, dass ich es Tausenden von Menschen ermöglicht habe, auf die bequemste Weise zu praktizieren, gibt mir ein sehr befriedigendes Gefühl.

Als ich die MSH-Plattform ins Leben rief, waren Sie eine der ersten Personen, die sich spontan bei mir meldeten, um allen Praktizierenden, die sich freiwillig für humanitäre Zwecke engagieren, Ausrüstung zu spenden. Ich danke Ihnen sehr für diese Großzügigkeit. Ich möchte dieses Interview mit einer Botschaft von Ihnen abschließen, die sich direkt an die französisch/englischsprachige Shiatsu-Gemeinschaft richtet.

Ich bin es, der Ihnen dankt. Als ich sah, was Sie für die MSH tun, fühlte ich mich involviert und ich weiß, dass ich Menschen helfen kann, die ihr Herz an das hängen, was sie tun, um ihre Praxis einfacher und angenehmer zu machen. Es mag seltsam klingen, aber wenn ich das Gefühl habe, dass ich Menschen helfen kann, ihre Arbeit besser zu machen, fühle ich mich glücklich. Ich habe gespürt, wie anstrengend es ist, Shiatsu unter extremen Bedingungen zu praktizieren, und so habe ich das Gefühl, dass ein kleiner Teil von mir an den Behandlungen beteiligt sein wird, die Sie im Rahmen Ihrer Projekte durchführen.

Bernardo schreibend

Ich möchte mit ein paar Sätzen aus meinem nächsten Buch schließen:
„In meinem Leben habe ich mit buddhistischen Mönchen, Priestern und weltlichen Menschen praktiziert. Ich habe Männer behandelt, die andere Mitmenschen getötet haben, Gauner, Diebe, Prostituierte. Ich habe erleuchtete Menschen behandelt, aber auch normale, alltägliche Menschen. Und doch… jedes Mal, wenn ich meine Hände auf sie legte, spürte ich keinen Unterschied in ihrer Lebensenergie, in ihrer spirituellen Seele, in ihrem Wesen.  Es ist der tiefe unverletzte Seelenkern des Menschen, leiblich verkörpert in der gleichen identischen Essenz, die in jedem Lebewesen vorhanden ist.Das Herz eines jeden Menschen schlägt, jeder Mensch hat in seinem Körper Blut und Qi – ein grundlegendes Konzept in der chinesischen Kultur. Jeder Mensch hat Gefühle. Jeder Mensch, ohne Ausnahme, empfindet Liebe für jemanden.
Die Menschheit sehnt sich nach Liebe, während sie sich auf ihren eigenen Weg zur Erleuchtung begibt, um den Hass zu überwinden. Edle und einfache Gefühle, die sich oft in gutherzigen Handlungen ausdrücken. „Meine Religion ist nur eine: Freundlichkeit“, lehrte S.H. der 14. Dalai Lama. Handlungen voller Absicht und Sorgfalt, die Anerkennung und Dankbarkeit erzeugen.
Dankbarkeit ist ein Akt der Liebe.“

Vielen Dank für dieses Gespräch. Es ist ein Privileg, jemanden wie Sie zu treffen.

Die Freude ist ganz meinerseits.


Bücher von Roberto Corvi

  • Altri amici, un piccolo diario di esperienze Shiatsu in psichiatria e in prigione ; (éd. Académie italienne Shiatsu Do),
  • Gli angeli dello Shiatsu ; éd. DB communication, 2013
  • Incontrare il Tao a La Havana e altrove ; éd. DB communication
  • Non sei solo… La pratica dello Shiatsu in ambito sociale ; éd. Mowie & Web

Anmerkungen:

– [i] Rodolfo Palombini (Rudy 1930 – 1994) führte Shiatsu in Italien ein. Gründer der Italienischen Shiatsu-Schule – S.I.S. (1979), Experte für Massagetherapie, erwarb er 1964 das erste europäische Diplom eines Shiatsu-Therapeuten an der Nippon Shiatsu School (heute Japan Shiatsu College), die damals von Meister Tokujiro Namikoshi geleitet wurde. R. Palombini vertiefte seine Studien über Namikoshi Shiatsu, indem er es in die Rehabilitationstherapie und Sporttraumatologie einführte. Die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen, die jahrelangen Aufzeichnungen, Tests und Forschungen führten zur natürlichen Entwicklung von Namikoshi Shiatsu zur Palombini-Methode, einer sorgfältigen Kodifizierung eines Systems, das an die Bedürfnisse der westlichen Welt angepasst ist.

– [ii] 1994 übernahm Rudys Sohn, Fulvio Palombini (geb. 1955), Rheumatologe und Professor für Physiotherapie an der Universität Rom „La Sapienza“, die Schule. Fulvio Palombini, der seiner Ausbildung als Arzt treu geblieben ist, setzt sich im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit, der motorischen Rehabilitation des Körpers, dafür ein, dass sich die wissenschaftliche Welt dem Shiatsu von Namikoshi zuwendet, um dessen Wirksamkeit durch Experimente zu bewerten.

– [iii] Mario Vatrini ist 2007 gestorben. Es ist nur ein einziges Buch im Umlauf, das 1998 geschrieben wurde und „Strategie di Shiatsu“ heißt. Bernardo erzählt mir: „Ich habe eine Version, die 2004 vom Verlag „Curcu und Genovese“ veröffentlicht wurde. In der kurzen Überschrift auf der Rückseite des Buches heißt es einfach: „Mario Vatrini, ein direkter Schüler der Meister Yahiro und Masunaga, praktiziert Shiatsu seit 1975 und absolvierte 1977 eine Ausbildung im Iokai-Stil in Tokio. Er hat eine Shiatsu-Schule „Majinai“. Er ist für seine Kompetenz bekannt.

– [iv] 1992-93 verbrachte Mario Vatrini einige Monate in Brasilien, um persönlich die Trancezustände der Umbanda zu erleben, einer synkretistischen Sekte, die aus dem Kontakt zwischen traditionellen afrikanischen Religionen und dem Christentum entstanden ist und den aus Rio de Janeiro stammenden Cadomblé nahesteht. Bei diesem Aufenthalt lernte er Donna Vittoria Garofalo, Tochter italienischer Einwanderer und Gründerin des Projekts Fly (Felipe de Lyon) in Planaltina de Goyas, kennen und vertiefte ihre Freundschaft und Zusammenarbeit mit ihr, um den Kindern vor Ort Bildung und eine warme Mahlzeit zu bieten.

– [v] Auf Italienisch ASL (Azienda Sanitaria Locale)

– [vi] Um mehr über diese Mission in Kuba zu erfahren, lesen Sie diesen Artikel auf Italienisch. Über Francisco Contino sagt Bernardo Corvi Folgendes: „Ich habe mit Francisco das Buch „Dem Tao begegnen…“ geschrieben. In seiner Vorstellung des Buches sagt er: „FRANCISCO CONTINO. Als er aus irgendeinem Grund seinen Lebenslauf schreiben musste, stellte Francisco fest, dass er sein ganzes Leben lang wichtige Entscheidungen zu spät getroffen hatte; der klassische Mensch, der erst dann versteht, wofür er sich wirklich interessiert, nachdem er Jahre damit vergeudet hat, etwas zu tun, wofür er sich nicht wirklich interessiert. Man könnte sagen, dass er an einer chronischen Zeitverschiebung litt. Das gilt für sein Studium, seine Arbeit als Angestellter, dann als Lehrer und so weiter für alle anderen wichtigen Stationen seines Lebens. Ein Charakterzug, der sich bei seinen beiden größten Lieben, Shiatsu Do und vor allem seiner Tochter Annabella, wiederholte. Der Vorteil war, dass er sich jünger fühlte, als er war, wenn er mit klügeren und jüngeren Menschen zusammen war: Der Nachteil war, dass er sich unwohl fühlte, weil er so spät auf den Geschmack gekommen war. Eines Tages, offensichtlich zu spät und offensichtlich in Kuba, stieß er auf die 4 Gesetze der SAI BABA Spiritualität, insbesondere auf das dritte: WAS AUCH IMMER DER MOMENT IST, IST DER RICHTIGE MOMENT. Wenn er jetzt seinen Lebenslauf ausfüllen muss, schreibt er einfach: Francisco wusste, wie er alle wichtigen Entscheidungen in seinem Leben zum richtigen Zeitpunkt treffen konnte.

– [vii] Um die transportablen Tatamis zu sehen, besuchen Sie https://www.tatamiportable.com


Autor

Ivan Bel

Übersetzerin

Silke Fabian
Latest posts by Silke Fabian (see all)