Der Meiken-Effekt im Shiatsu – Teil 1

25 Nov, 2022
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Im Shiatsu kommt es regelmäßig vor, dass die Empfänger mit Nachwirkungen der Behandlung konfrontiert werden. Wenn dies geschieht, sollten Sie sich auf keinen Fall Sorgen machen: es ist ein Zeichen für eine besonders wirksame Behandlung, und der Körper/Geist durchläuft mehr oder weniger intensive Regulierungseffekte. Die Japaner nennen dies den Meiken-Effekt. In diesem ausführlichen und spannenden Artikel, der aus einem Workshop der ersten Sommeruniversität hervorgegangen ist, begeben wir uns auf eine Reise durch die Jahrhunderte auf der Suche nach diesem natürlichen Regulierungseffekt.


Jedes Lebewesen, das sich im Kosmos befindet, wird durch den ununterbrochenen Fluss des Ki oder der Lebenskraft angetrieben. Daraus erfolgt, dass selbst eine kleine Stagnation Krankheit oder, im Falle einer Blockade, den Tod verursachen kann.

Anpuku Zukai – Shinsai Ota

Lassen Sie uns zunächst kurz die Schriftzeichen anschauen. Meiken (das man auch Meigen aussprechen kann) auf Japanisch oder Míng xuàn auf Chinesisch wird 瞑 眩 geschrieben. Das erste Zeichen wird mit Meditation, dem Schließen der Augen, assoziiert, während das zweite mit „betäubt, geblendet, ohnmächtig“ übersetzt werden kann. Beide besitzen auf der linken Seite das Radikal für Augen, das in der chinesischen Medizin den Zustand des Shen und somit die Gesundheit des Individuums anzeigt.

So ist es von Anfang an klar: Míng xuàn/Meiken wird als ein positiver Schritt im Heilungsprozess gesehen. Es ist tatsächlich diese „Lebenskraft“ in Aktion, von der das Anpuku Zukai spricht. Meiken wird als eine entgiftende, regulierende Wirkung des Organismus angesehen, die sich auf die Selbstregulierungs- und Selbstheilungsfunktionen des Körpers stützt. Es handelt sich um einen Rebound-Effekt. Die Behandlung ist einfach eine Aktion, die eine Reaktion auslöst. Die japanischen Meister sagen, dass es keine Heilung ohne Reaktion gibt. Heilung ist die Rückkehr zum Zentrum, und diese kann nur nach Hin- und Herbewegungen um genau dieses Zentrum herum erreicht werden. Ohne eine Phase der Ausgleichung kann man sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen, und so kehrt alles wieder nach einer gewissen Zeit zum Zentrum zurück; je größer das Ungleichgewicht, desto länger dauert es. Wir dürfen nie vergessen: die Grundlage des Gleichgewichts ist Bewegung. Daher bedeutet Heilen in Bewegung bringen, Veränderung, – auch wenn dies beiläufig einige Nebenwirkungen nach der Behandlung hervorruft.

Medicatrix naturae

Alle Symptome können vorkommen, und es kann einige Stunden, Tage, Wochen oder auch länger dauern. Dies ist von den Nebenwirkungen von Medikamenten zu unterscheiden, die nicht unter den Meiken-Effekt fallen. Um dies zu veranschaulichen, müssen wir in die Geschichte unserer eigenen Medizin zurückgehen, als man noch an die Heilkraft des Körpers glaubte, welche man in der Antike als medicatrix naturae bezeichnete.

Asklepios, lat. Aesculapius, Gott der Heilkunst, der Wahrsagerei und des Wassers

Hippokrates von Kos (460-377 v. Chr.), dessen berühmten Eid Ärzte schwören, war der Ansicht, dass ein Organismus Verletzungen oder Krankheiten nicht passiv gegenübersteht, sondern sein Gleichgewicht wiederherstellt, um sie zu bekämpfen. Kranksein ist demnach keine Krankheit, sondern eine Anstrengung des Organismus, ein gestörtes Gleichgewicht zu überwinden. Es ist diese Fähigkeit der Organismen, Ungleichgewichte zu korrigieren, die sie von toter Materie unterscheidet.

Kranksein wäre also ein „natürlicher Meiken-Effekt“, um wieder gesund zu werden. Man weiß z. B., dass Kinderkrankheiten notwendig und willkommen sind, damit Kinder für den Rest ihres Lebens ein gutes Immunsystem entwickeln. Daraus leitet sich die medizinische Vorgehensweise ab, dass „die Natur der beste Arzt“ oder „die Natur der Heiler“ sei. Um dies zu erreichen, sah Hippokrates das Hauptziel eines Arztes darin, diese natürliche Tendenz des Körpers zu unterstützen, indem er ihre Aktion beobachtet, die Hindernisse für ihre Wirkung beseitigt und es so einem Organismus ermöglicht, seine Gesundheit aus eigener Kraft wiederzuerlangen.

Dies dachten auch die alten chinesischen Ärzte, und genau davon ist in den ersten elf Kapiteln des Sùwèn die Rede. Denselben Gedanken findet man auch in der ayurvedischen Medizin und in allen traditionellen überlieferten Heilmethoden. Der Kerngedanke, der dieser Sichtweise zugrunde liegt, besteht darin, den Menschen als ein kleines Universum anzusehen, das denselben Gesetzen unterliegt wie das große Universum.

Der menschliche Körper ist ein kleines Universum und das Universum ist ein großer Körper“, sagt uns das Sùwèn (500-200 v. Chr.).

Nichts ist von nichts getrennt, und was du nicht in deinem Körper verstehst, das wirst du auch nirgendwo anders verstehen“, steht es in den Upanishaden (1) (800-500 v. Chr.) aus dem alten Indien.

Hippokrates folgend hat die Idee der « vis medicatrix naturae » weiterhin eine Schlüsselrolle in der Medizin gespielt.

Galen (131-201) ist nach Hippokrates die bedeutendste Figur der antiken Medizin. Er war der Leibarzt des Kaisers Markus Aurelius in Rom. Seine anatomischen Studien von Tieren und seine Beobachtungen der Funktionen des menschlichen Körpers dominierten 14 Jahrhunderte lang die medizinische Theorie und Praxis. Im Gegensatz zu Hippokrates beruht seine Therapie auf der Verwendung von Gegensätzen: „contraria contrariis curantur“ (Entgegengesetztes soll durch Entgegengesetztes geheilt werden); da Heilpflanzen im therapeutischen Arsenal einen besonderen Stellenwert besitzen, nennt man diese Arzneimittel immer noch „Galenika“ und Heilkräuterhändler studieren die „galenischen Formen“.

Hildegard von Bingen (1098-1179) sieht sie als zentrale Achse in ihren Visionen und Intuitionen. Sie gilt als die erste Naturwissenschaftlerin Deutschlands. Sie ist ebenfalls Medizinerin, und ihre doppelte Begabung als Kräuterkundige und Heilerin macht sie zu einer der renommiertesten Ärztinnen ihrer Zeit. Ihre Medizin verband gelehrte Elemente großer Autoren mit lokalen Quellen der Volksmedizin.

„Wie der Mensch, so sitzt die Seele im Herzen wie in einem Haus. Ihre Gedanken sendet sie wie durch eine Tür ein und aus, betrachtet die Dinge im Tageslicht wie durch Fenster, und ihre Überlegungen leitet sie wie durch einen Schornstein zum Gehirn weiter, wo Entscheidungen getroffen und Taten ausgelöst werden. Die Fenster lassen Licht hinein und die Augen sind die Fenster der Seele […] Man kann die Seele eines Menschen in seine Augen sehen.“

Die Ähnlichkeit mit der Beschreibung des Shen der Chinesen ist verblüffend, nicht wahr? Im Huángdì Nèijīng Sùwèn heißt es: „Der Shen wird im Glanz der Augen gelesen“, daher die Wahl der Schriftzeichen, die wir ganz am Anfang gesehen haben.

Manch älteren Menschen gelingt es, diesen Glanz zu bewahren, aber dafür muss es ihnen gelingen, ein dauerhaftes Gleichgewicht zu halten, in dem Körper und Geist eng miteinander verbunden sind.

Und was können wir ist von dieser Sicht des Menschen in der Welt lernen?

In ihrem Buch des Wirken Gottes legt Hildegard von Bingen ihre Ideen in kosmischen Visionen dar. Die Organisation des Universums und die Natur des Menschen haben beide ihren Ursprung in der Schöpfung Gottes. Sie können nicht voneinander getrennt werden; sie sind zwar unterschiedlich groß, aber nach denselben Proportionen gebaut. Ein universelles Analogieprinzip macht den Menschen zu einer kleinen Welt in der großen Welt, zu einem Mikrokosmos im Makrokosmos. Der Mensch ist der Spiegel der Welt, die er durch die Organisation seines Körpers widergibt.

In einem ihrer Manuskripte findet man ein Mann mit ausgebreiteten Armen in einem Kreis, der allen kosmischen Einflüsse offen ist, eine Zeichnung, die später von Leonardo da Vinci im Vitruvianischen Menschen modernisiert wurde.

Der Mensch nach Von Bingen
Der Mensch nach da Vinci

Zu Beginn der Renaissance prägte der Arzt und erste Wissenschaftler Paracelsus (1493-1541) eine berühmte Formel, die zusammengefasst sagt: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; nur die Dosis macht aus, dass ein Ding kein Gift ist“ (Zur Erinnerung: Pharmakon bedeutet im Griechischen sowohl Heilmittel als auch Gift). Er widersetzte sich damals den Ideen von Galen und ebnete den Weg für die moderne Medizin.

Ambroise Paré (1510-1590), berühmter Chirurg und Vater der Chirurgie, ist für seinen berühmten Satz „Ich verband seine Wunden, Gott heilte ihn“ bekannt. Ein Beweis dafür, dass in seiner Epoche die Verbindung Himmel-Erde sehr wohl bekannt war; eine Öffnung zu etwas Größerem als dem eigenen Selbst bestand immer.

Ein chinesischer Arzt hätte „Gott“ durch „Himmel“ ersetzt. Das Ideogramm des Himmels zeigt dies übrigens sehr gut. Der Himmel ist das, was größer ist als der Mensch, selbst wenn dieser groß ist.

Ren – Mensch             Da – Groß                  Tian – Himmel

Im 19. Jahrhundert wurde die vis medicatrix naturae als Vitalismus interpretiert und wurde in dieser Form zur Grundlage des philosophischen Rahmens der Homöopathie, Chiropraktik, Osteopathie und Naturheilkunde. Suchen Sie heute im Internet nach den Begriffen „vis medicatrix naturae“ und Sie werden sich im Bereich dessen befinden, was wir heute höflich als „alternative“ oder „komplementäre“ Medizin bezeichnen, zu der Shiatsu selbstverständlich gehört.

Die Beziehung zur Homöostase

Der amerikanische Physiologe Walter Bradford Cannon (2) prägte 1926 in seinem Buch The Wisdom of the Body das Wort Homöostase (Claude Bernard hatte bereits vor ihm davon gesprochen, jedoch ohne dieses präzise Wort zu verwenden) aus den beiden griechischen Wörtern stasis (Stabilität, Zustand, Position) und homolos (gleich, ähnlich und homoios, identisch).

„Höhere Lebewesen sind ein offenes System mit zahlreichen Beziehungen zur Umwelt. Veränderungen in der Umwelt lösen Reaktionen in diesem System aus oder wirken sich direkt daraufhin aus, was zu inneren Störungen des Systems führt. Solche Störungen werden normalerweise in engen Grenzen gehalten, weil automatische Anpassungen innerhalb des Systems in Kraft treten und auf diese Weise breite Schwankungen vermieden werden; die internen Bedingungen werden weitgehend konstant gehalten […]. Die koordinierten physiologischen Reaktionen, die die meisten dynamischen Gleichgewichte im Körper aufrechterhalten, sind so komplex und so eigen für lebende Organismen, dass man vorschlug, für diese Reaktionen einen besonderen Ausdruck zu benutzen: Homöostase.“

Dieser Begriff wird in der Biologie verwendet, um die Eigenschaft eines jeden offenen oder geschlossenen Systems zu bezeichnen, das innere Milieu so zu regulieren, das ein stabiler Zustand erhalten bleibt. Die Stabilität wird durch verschiedene Regulierungsmechanismen und dynamische Anpassungen ermöglicht

Die Homöostase ist eines der wichtigsten Prinzipien der Physiologie, da ein Versagen dieser Eigenschaft zu Fehlfunktionen mehrerer Organe führen kann.

Ein perfektes Beispiel der Homöostase wird von Itsuo Tsuda (3) dargestellt, der in seinen Schriften einen japanischen Forscher zitiert, der die Funktion des Schupfens entdeckt hatte. Sie bestand darin, den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen, wenn er aus der Links-Rechts-Balance geriet. Er stellte die Füße seiner Patienten auf eine Waageschaukel, und wenn die Neigung mehr als 10 % betrug, stellte er fest, dass sie einen Schnupfen bekamen! Die Schlussfolgerung war, dass ein Schnupfen eine homöostatische Funktion sein könnte und nicht nur eine „Erkältung“.

Itsuo Tsuda bei einer Konferenz in Italien zum Thema „katsugen undo“

Vor Kurzem hat die Medizin medizinische Symptome wie Fieber, Entzündungen, Müdigkeit und Morgenübelkeit als evolutionäre Anpassungen identifiziert. Sie funktionieren als medicatrix naturae, die ausgewählt werden, um den verletzten, infizierten oder physiologisch gestörten Körpers zu schützen, zu heilen oder wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Die moderne Medizin, medikamentös und chemisch, hat sich entfernt von diesem Standpunkt und der Fähigkeit des Körpers, sich selbst zu heilen. Die „Schulmediziner“ glauben gar nicht mehr an eine solche Selbstheilungskraft. Sie glauben nur allein an die Chemie ihrer Rezepte und leugnen sogar manchmal die Nebenwirkungen von Medikamenten.

Hiermit ist der Rahmen gegeben, nun können wir weitergehen in unserer Studie über den Meiken-Effekt.

(Fortsetzung folgt)


Fußnoten

  1. Die Upanishaden sind alte Texte, die die Grundlage der Hindu-Religion bilden. Es gibt 108 Texte, die als bedeutsam gelten. Det Name bedeutet „sich ehrfürchtig zu Füßen des Lehrers setzen, um ihm zuzuhören“.
  2. Walter Bradford Cannon (1871-1945): amerikanischer Physiologe und Wegbereiter der berühmten Röntgenstrahlen. Er entwickelte unter anderem den Begriff der Kampf-oder-Flucht-Reaktion, auf der das Prinzip der Doppelbotschaft besteht, und, nach Claude Bernard, das Konzept der Homöostase, insbesondere in The Wisdom of the Body (1932). Das Konzept der Homöostase, eines der wichtigsten in Biologie und Physiologie, ist einer der Schlüssel zur Entwicklung der Kybernetik (Quelle: Wiki).
  3. Itsuo Tsuda (1914-1984): Philosoph, Aikido-Meister, Maler und leidenschaftlicher Heilpraktiker. Er ließ sich nach einer Reise durch die USA in Paris nieder, unterrichtete und verfasste 9 Bände über seine Schulung des Atmens (um über den Atem, das Ki, zu sprechen), die alle im Courrier du livre veröffentlicht wurden (von 1973 bis 2015). Er macht insbesondere die unwillkürlichen und automatischen Reaktionen des Körpers, katsugen undo, populär.

Autor

Bernard Bouheret
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Übersetzer

Thomas Kopp
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