Rhythmen in der Shiatsu-Praxis

26 Mai, 2026
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Zum Thema Rhythmen im Shiatsu gibt es viel zu sagen. Shiatsu ist eine therapeutische Kunst, die untrennbar mit der traditionellen chinesischen Medizin verbunden ist. Diese wiederum ist ganz und gar mit den Bewegungen und Rhythmen der Natur verflochten, die die alten Chinesen über Jahrtausende hinweg beobachtet haben. Es ist daher nur logisch, dass Shiatsu diese Rhythmen verkörpert und sie in seiner Technik zum Ausdruck bringt.

Jedoch scheint jeder Stil (im Sinne von „ryū 流”, also Schule bzw. Strömung) des Shiatsu um einen präzisen Druckrhythmus herum entstanden zu sein, der zu seinem charakteristischen Merkmal geworden ist.Einerseits ist diese Spezialisierung interessant, da sie es ermöglicht hat, gründlich zu untersuchen,wie sich ein bestimmter Rhythmus auf den menschlichen Körper auswirken kann, zusätzlich zum senkrechten Druck und der ausgeübten Kraft. Zum Beispiel haben Koho Shiatsu oder Jigen Shiatsu, zwei Stile des Kampf-Shiatsu, einen sehr schnellen Rhythmus (im Sekundentakt) und einen ziemlich starken Druck, während im Gegensatz dazu Zen Shiatsu oder Yin Shiatsu relativ lange an jedem Punkt verweilen können, mit einem leichteren Druck. Andererseits hindern diese Spezialisierungen daran, alle Druckrhythmen zu schätzen und sie alle anzuwenden. Es ist ein bisschen so, als würde man einem Mechaniker sagen, er solle nur den 12er-Schlüssel verwenden und die anderen nicht anfassen, um einen Motor zu reparieren, oder einem Musiker, er solle nur eine einzige Note spielen. Das scheint einschränkend zu sein, nicht wahr? Das ist tatsächlich der Fall.

Die verschiedenen Rhythmen

Zwischen den beiden Extremen (sehr schnell und ausgesprochen langsam) gibt es eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten. Man kann sie grob wie folgt einteilen:

  • Weniger als eine Sekunde: Hierbei handelt es sich um präzise Schläge zur Durchführung eines Kuatsu (Wiederbelebungstechnik), wenn der Körper stark geschwächt ist oder unmittelbar nach einem Trauma.
  • 1 Sekunde: Dieser sehr schnelle Rhythmus wird im Shiatsu mit Kampfkunst-Ursprung verwendet. Er belebt den Körper und das Yang. Bei dieser Art von Shiatsu ist es besser, bereits in guter Form und recht kräftig zu sein, wie es bei Kampfsportlern der Fall ist.
  • 2 bis 3 SekundenDas Tempo ist schnell. Man muss mehrmals über dieselbe Linie berühren, um eine Wirkung zu erzielen. Diese Wirkung ist sowohl entspannend als auch belebend, da sie die Oberfläche und die Yang-Energie stimuliert und gleichzeitig das Innere durch den Rebound / das Zurückfedern entspannt. Es ist ein sehr guter Rhythmus, um mechanische und muskuläre Blockaden zu lösen und das Ki zum Fließen zu bringen.
  • 3 bis 5 Sekunden: Dieser Rhythmus bietet ein gutes Gleichgewicht zwischen Yin und Yang. Er ermöglicht es, die Blutschicht zu erreichen, Körper und Geist ins Gleichgewicht zu bringen und gleichzeitig die Entspannung des Empfängers zu vertiefen.
  • 5 bis 12 Sekunden: Dieser eher langsame Rhythmus stimuliert die Yin-Energie, um eine müde Person wieder mit Energie zu versorgen. Er erreicht die tiefen Schichten und aktiviert das parasympathische Nervensystem. In der Regel ist nur ein Durchgang pro Meridian erforderlich.
  • Über 12 Sekunden hinaus: Man gelangt in den sogenannten Verbindungsmodus (oder „meditativen Daumen“), dessen Ziel es ist, die Energie zwischen zwei Tsubos, zwei Meridianen oder zwischen dem Empfänger und dem Behandler zu harmonisieren. Dies geschieht oft zwischen zwei Kontaktpunkten (den beiden Daumen oder den beiden Handflächen).

Wenn man in der Lage sein möchte, ein Shiatsu durchzuführen, das auf jeden einzelnen Fall in der Praxis zugeschnitten ist, ist es sinnvoll, all diese Druckrhythmen zu beherrschen und sich nicht auf eine einzige Vorgehensweise zu beschränken. Deshalb sollte man sich stets vor Dogmen und der Einstellung „so ist es eben“ hüten. In meinen Kursen sage ich oft: „Wenn Sie einen Fächer haben, der zusammengefaltet ist, und es ist heiß, können Sie ihn zwar immer noch schwenken. Sie werden nicht viel Luft bekommen, der Effekt ist quasi null! Wenn Sie den Fächer ganz aufspannen, funktioniert es deutlich besser.“ Wenn das Studium klinisch ausgerichtet ist, wie es bei einer Vollzeitausbildung der Fall ist [1], werden im Unterricht alle Druckrhythmen behandelt. Manche Schulen gehen sogar so weit, das Beste aus jedem Stil zu bewahren und Dogmen über Bord zu werfen, um sich ausschließlich auf den therapeutischen Aspekt zu konzentrieren. Ich stimme dieser Sichtweise, die sehr angelsächsisch geprägt ist, durchaus zu und die sich wie folgt zusammenfassen lässt: „Nur das Ergebnis zählt“.

Der Dirigent der eigenen Shiatsu-Sitzung werden und seine eigene Symphonie komponieren.

Doch diese Frage des Rhythmus geht noch viel weiter. Einer der kompetentesten Lehrer, denen ich in meinem Leben als Shiatsushi Shiatsupraktiker begegnet bin, ist Bernard Bouheret [2]. Als Autor mehrerer Bücher und in Frankreich sehr angesehen, lebt er Shiatsu seit über 35 Jahren. Die wichtigste Lektion, die man von ihm lernen kann, besteht darin, ihm bei einer Sei-Shiatsu-Behandlung zuzusehen. Im Gegensatz zu Shiatsu-Stilen mit einem einheitlichen Rhythmus variiert dieser innerhalb einer Behandlung regelmäßig. Er spricht davon wie von einer musikalischen Symphonie (zu diesem Thema verweise ich auf den ausgezeichneten Artikel von Stéphane Cuypers). Es gibt eine Einleitung, einen Hauptteil, dann – wie bei einem Musikstück – Höhen und Tiefen, ruhige Phasen ebenso wie schnelle, eine Art Leitmotiv und schließlich einen sanften Ausklang. Die eingeführten Rhythmuswechsel sind niemals abrupt. Er springt nicht von einem Thema zum nächsten, was eine Disharmonie erzeugen würde, die den Empfänger  stören würde. Nein, er macht all dies in einer fliessenden Bewegung, als würde man durch eine hügelige Landschaft fahren. Dieses Konzept der Vertonung und damit der automatischen  Rhythmisierung ermöglicht eine große Vielfalt in der Behandlung und die ständige Anpassung von Rhythmus und Tiefe an das, was die Hände wahrnehmen. Auf diese Weise hat der Empfänger das Gefühl, in all seinen Facetten „erkundet“ zu werden. Es ist ein Gefühl, das zugleich beruhigend und umfassend ist, bei dem nichts vergessen zu sein scheint. Kobayashi Sensei, der leitende Ausbilder am Japan Shiatsu College in Tokio, führte 2014 im Rahmen eines internationalen Workshops in Brüssel eine vollständige Behandlung vor. Ohne ein Wort und fast eine Stunde lang wanderten seine Hände wie die eines Pianisten über den Körper, wechselten von einem Rhythmus zum anderen und legten Pausen ein, wenn es nötig war, um dann mit neuem Elan weiterzumachen. Wenn man diese Vorgehensweise anwendet, langweilt man sich als Praktiker während der Sitzung nicht und kann sich wie ein echter Dirigent fühlen, eigene Kompositionen erfinden, Partituren erstellen, kurz gesagt, seiner Intuition und seinem Gefühl folgen.

Um die Metapher des Musikers weiterzuführen: Stellen Sie sich vor, ein Schüler hätte alle Noten und sogar mehrere Tonleitern gelernt, aber in Sachen Rhythmus würde man ihm einhämmern: „In der Musik ist nur dieser Rhythmus der richtige, ta-ta-ta-ta…“, wie ein Metronom. Dann setzt er sich ans Klavier oder an irgendein Instrument und spielt „ta-ta-ta-ta“, egal welche Note. Das wäre doch zum Sterben langweilig, oder?

Gleichmäßiger Rhythmus: stabil, aber langweilig.

Wenn das stimmt, warum dann überhaupt noch etwas üben, bei dem man nur einem einzigen Rhythmus folgt, sei es Musik oder Shiatsu? Beobachten Sie Ihre Praxis ehrlich und denken Sie daran, was Ihnen in Ihren Kursen gesagt wurde. Sind Sie daran gewöhnt, einem eintönigen Rhythmus zu folgen, oder sind Sie in der Lage, eine echte Partitur zu spielen? Kennen Sie alle Rhythmen, die es im Shiatsu gibt? Haben Sie deren Wirkungen getestet? Haben Sie sie mit anderen Druckprinzipien kombiniert? Auch hier gibt es nicht nur einen einzigen richtigen Weg. Jede Schule, jeder Shiatsu-Stil lehrt uns etwas, daher sollte man sich nicht einschränken und in einer bestimmten Vorgehensweise verharren. Das Ryoho Shiatsu, das ich unterrichte, erforscht systematisch alle Variationen in den Druckrhythmen, im Tempo, in der Tiefe und in der Kraft und testet sowohl mechanische als auch energetische Ansätze, um das Spektrum der Möglichkeiten so weit wie möglich zu öffnen.

Stille

In der Musik wie in der Poesie, in der Malerei wie in der Rede ist es nicht so sehr der Rhythmus, der Tiefe erzeugt, sondern die Pausen, die man im richtigen Moment einlegt. Der Begriff der Stille ist von entscheidender Bedeutung. Zu wissen, wann man den Lauf der Finger beimShiatsu unterbrechen muss, ist wie das Tüpfelchen auf dem i. Es ist ein Atemzug, eine Pause zwischen zwei Sequenzen, die sowohl dem Empfänger als auch dem Gebenden einen Moment der Ruhe bietet. In dieser Zeitspanne geschieht nicht nichts. Der Shiatsupraktiker lauscht dem Körper, vertieft die Verbindung, während der Jusha (der Empfänger) seine Kräfte sammelt oder sich noch tiefer fallen lässt. Der richtige Moment für eine Pause hängt ganz von der eigenen Fähigkeit ab, zu spüren. Stößt man auf einen Schmerz, einen Verspannungspunkt, nützt es nichts, übermäßig darauf zu bestehen, in der Hoffnung, dass es vorbeigeht. Manchmal muss man warten können, zuhören, den Empfänger in das unendlich Kleine, in das Subtile begleiten. Dort entscheidet sich manchmal der Höhepunkt einer ganzen Behandlung, als stünde man auf dem Gipfel eines Berges, bevor man die andere Seite hinabsteigt.

Die Stille ist oft der Höhepunkt der Behandlung.

Die Frage, die sich dann stellt, ist: Wie lange sollte diese Pause dauern? Das Gleichgewicht ist heikel, und auch hier muss man sich wieder auf seinen Instinkt und sein Gespür verlassen. Wenn Sie eine Stunde lang nichts tun, wird sich die Person unter Ihren Händen fragen, warum sie überhaupt gekommen ist. Wenn Sie zu schnell aufhören, laufen Sie Gefahr, etwas Wesentliches zu verpassen. Kawada Sensei erzählte, dass es ihm schon passiert sei, einen Druck 45 Minuten lang unverändert aufrechtzuerhalten, bis das Leben in den Punkt zurückkehrte, der ihn interessierte (in diesem Fall VC6, Kikaï). Generell sollten Sie warten, bis Sie eine Veränderung spüren, sei sie auch noch so gering, in der Wärme, der Durchblutung oder den Muskelfasern. Das ist das Signal, dass ein Prozess in Gang gesetzt wurde. Warten Sie noch ein wenig, um sicherzustellen, dass der Prozess gut verläuft, und fahren Sie dann mit dem nächsten Teil Ihrer Symphonie fort.

Der Rhythmus ist also nicht nur eine intellektuelle Idee, sondern ein grundlegendes Prinzip der Shiatsu-Technik, das es ermöglicht, die Wirkungen zu variieren und Ihrer Behandlung Tiefe zu verleihen. Besser noch: Der Praktiker kann von Zeit zu Zeit auch wieder die Freude daran finden, in einem einzigen Rhythmus zu arbeiten – nicht mehr, weil er nichts anderes kann, sondern weil er sich dafür entschieden hat. Nachdem man also durch den Druck einen Raum der Freiheit und durch die Stabilität (im Rhythmus) ein gewisses Maß an Geborgenheit für den Empfänger geschaffen hat, schafft man zudem einen Raum der kreativen Freiheit für sich selbst. Durch die Variation der Rhytmen und  Pausen in einer Shiatsu-Behandlung kommen alle Beteiligten einer Shiatsu-Sitzung auf ihre Kosten und tauchen voll und ganz in den Begriff der Freude ein: die Freude, behandelt zu werden, und die Freude am Geben.


Anmerkungen

  • [1] Wie es in Kanada oder Japan der Fall ist, mit Ausbildungen von zwei oder drei Jahren Dauer und mindestens 2200 Stunden.
  • [2] Bernard Bouheret ist der Begründer von Sei Shiatsu, der Union Française des Professionnels de Shiatsu Thérapeutique und Autor des unverzichtbaren „Vade Mecum – 108 Shiatsu-Behandlungen“, erschienen im Quintessence-Verlag.

Autor

Ivan Bel

Übersetzerin

Silke Fabian
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