Die Musik des Bewusstseins: Die Leere in all ihren Zuständen (Teil 3)

29 März, 2024
Reading Time: 10 minutes

Im letzten Teil seines Triptychons über Zahlen und Leere entführt uns Julien Chabert dieses Mal in die Welt der Klänge und Schwingungen. Er setzt seine Entwicklung der Zahlen fort und nimmt uns mit Hilfe der Zahl sechs mit auf eine Reise durch indische und buddhistische Traditionen. Dieser Teil bildet den Abschluss dieser besonders interessanten Untersuchung über den Begriff der Leere, der in unserer Shiatsu-Praxis so wichtig ist.


Sechs「六」In den Raum hinein hören

Die Sechs ist mit dem Raum in all seinen Dimensionen verbunden: vorne, hinten, rechts, links, Mitte, oben und unten. Für die buddhistischen Traditionen ist jedes Element mit einem Sinn verbunden, der sein eigenes (sensorisches) Bewusstsein hat. Wir befinden uns auf einer etwas subtileren Ebene der Wahrnehmung, auch wenn wir in der Welt der Formen bleiben:

Der Geruchssinn verkörpert die Erde, der Geschmackssinn das Feuer. Der Sehsinn verkörpert das Wasser und der Tastsinn die Luft.

Kalachakra Tantra, Strophe 22, S.110

In den Bereich des Raumes zu wechseln bedeutet, in die Welt der Formlosigkeit und des Ungreifbaren zu wechseln, mit der wir in Verbindung stehen. Wir können unser Bewusstsein nutzen, um unsere Umgebung wahrzunehmen, auch wenn sie für unsere Augen unsichtbar ist. Wie schaffen wir das? Durch Zuhören. Werfen wir einen Blick auf die chinesischen Klassiker:

Deshalb heißt es im Nachruf auf den Herrn von Yan: ‚ Man hört ihm zu, doch man nimmt seine Worte nicht wahr.
Man beobachtet es, nimmt aber seine Gestalt nicht wahr; es erfüllt Himmel und Erde; es umfasst die sechs Himmelsrichtungen.‚ [1]

Das Kalachakra-Tantra sagt uns Folgendes:

‚Klang, Leere「空」, Konzepte und der Geist gehören, oh Suchandra, zur formlosen Welt.‘
[Strophe 84]

‚Die Leere「空」, die dem Sinnesbewusstsein des Gehörs entspricht und zur der Familie des Raums gehört, ist das Gefäß für den Klang, der aus der Sphäre des nicht-dualen Wissens stammt.‘
[Strophe 20].

‚Das Bewusstsein hat die Eigenschaft des Hörens.‘
[Strophe 21].

‚In den drei Welten hat das Gehör die Vajra-Natur [2], oh Suchandra, und der Geist die Natur des Raumes.

Das Kalachakra-Mandala ist den Klangschwingungsbildern nicht unähnlich, die man heute mithilfe der Kymatik (Bild der Eins) erhält.

Das Kalachakra-Mandala erinnert an Klangschwingungsbilder, die man heute mithilfe der Kymatik (Bild der Eins) erhält.

Wir sehen die zarte Verbindung zwischen dem Hören, den Klängen, dem Raum um uns herum und dem Bewusstsein, das all diese Dimensionen umfasst. So wie Leere/Raum「空」das Gefäß für die physischen Elemente, angefangen mit der Erde, ist, ermöglichen Klänge die Verbindung von Raum und Bewusstsein und verbinden uns so mit dem formlosen Aspekt der Realität. Im chinesischen Denken werden die fünf Elemente zuerst durch den Klang und das Gehör, das sie wahrnimmt, ausgedrückt. Die fünf Klänge (chin: wu yin五音) tauchen zuerst aus dem astronomischen Himmel auf「天」. Das ist die „Sphärenmusik”‘ oder die „Sphärenharmonie” in den Begriffen des Pythagoras. Als ob diese Klänge durch die ständige Bewegung der Gestirne um uns herum erzeugt würden.
Noch einmal sei das Kalachakra-Tantra zitiert:

Die fünf Urklänge der Leere「空」stellen die ursprüngliche, nicht manifestierte Natur dar.
Außerhalb des Körpers, in der Welt, vollzieht sich der Lauf der Sonne in einem Monat von 30 Tagen.
In unserem Körper vollzieht er sich mittels der subtilen Adern, die die Mandalas der fünf Elemente zirkulieren lassen.‘
[Strophe 33].

Zuhören, in der vollen Bedeutung des Wortes, bedeutet für unsere Traditionen, ein wenig mehr in Kontakt zu sein mit diesem „sechsten Element”, dem Bewusstsein, aus dem alle unsere Wahrnehmungen der Realität stammen.
Zuhören ist die sensible Brücke zu einer Welt, die von unseren Sinnesorganen nicht wahrgenommen werden kann. [3]

Eine Geste fasst all diese Aussagen zusammen: ein Mudra (symbolische Geste), das systematisch mit dem Buddha Dainichi-nyôrai [4] (大日如来) in Verbindung gebracht wird: das sogenannte Mudra der „sechs Elemente“, auch die „Faust des höchsten Wissens“ (jap: chiken-in 智拳印) genannt. Wir haben deutlich gesehen, dass es sich dabei nicht um Elemente im eigentlichen Sinne handelt, sondern vielmehr um sechs Aspekte, die zusammen eine einzige Realität bilden.

mudra ‚Faust des höchsten Wissens‘ (jap.: chiken-in) 「智拳印」

In diesem Mudra stellen die fünf Finger der rechten Hand die fünf Elemente dar und umklammern den aufgerichteten Zeigefinger der linken Hand als das Bewusstsein, das diese fünf anderen Aspekte der Realität miteinander verbindet. Es ist wie der chinesische symbolische Ausdruck der „10.000 Dinge“, der nicht wörtlich 10.000 Kreaturen bezeichnet, sondern die fünf Ebenen der Realität (1+ 0000), die durch eine einzige Einheit (1) verbunden sind, die in der chinesischen Tradition als Geist (shén 神) bezeichnet wird.

Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen sind alle in unterschiedlichem Maße durch die Klarheit des Geistes (shén míng 神 明) miteinander verbunden, so wie die fünf Elemente alle aus dem Bewusstsein und dem Raum in seinen sechs Ebenen hervorgegangen und mit ihm verbunden sind.

Der Körper ist innerhalb der Existenz, sie sind eins, wie der Himmel.
[Strophe 29]

Buddha Dainichi-nyôrai「大日如来」
mit dem Mudra chiken-in「智拳印」

Töne und Licht bilden die ersten beiden Schwingungsaspekte der Realität, die sich in Form der Fünf Elemente manifestieren. Die Stimme einer Person sowie der Teint des Gesichts sind gute klinische Beispiele. Der Körper als Manifestation des Bewusstseins empfängt sie und nimmt sie durch unser Sinnesbewusstsein wahr. Sich wieder mit dem Bewusstsein zu verbinden, aus dem sie stammen, bedeutet, sich wieder auf das einzustimmen, was auf den ersten Blick unsichtbar erscheint, aber dennoch da ist. Immer präsent.

Die japanische Tradition nennt diese Art der direkten Wahrnehmung den ‚ Anfängergeist‘ oder, wie Stéphane Cuypers [5] kürzlich treffender übersetzt hat, den ‚Geist der ersten Augenblicke‘. Die ersten Augenblicke, in denen die Wahrnehmungsgewohnheiten noch nicht ausgeprägt sind, in denen der Raum frei ist und das Bewusstsein alles aufnehmen kann. Der Körper und das Bewusstsein können dann zum Behälter「器」für Informationen werden, zu einem Gefäß aus Klang und Licht.

Ein Seidenfaden auf beiden Seiten des Himalaya「経」

Der Zweck dieses dreiteiligen Artikels ist es, zunächst die Tiefe der verschiedenen Modelle, die sich auf die Fünf Elemente konzentrieren, zu erkunden. Anschließend sollte dem Praktiker und allen Interessierten gezeigt werden, wie verschiedene Traditionen ähnliche Dinge in ihrer eigenen Sprache ausdrücken können. Traditionelle Redensarten sind für den Neuling von Natur aus kryptisch. Die folgenden Fragen über die Leere (空) und die sogenannten „Fünf Elemente“ beantworten zu können, erscheint mir besonders wichtig:

  • Was sagen wir?
  • Wie sagen wir es?

Damit jeder die nicht kartierten Gebiete der antiken Traditionen mit größerer Freiheit erkunden kann, ist die Klärung der Bedeutung und des Gebrauchs der Begriffe, aus denen sich eine Tradition zusammensetzt, der erste Schritt zu einem besseren Verständnis. Es ist (zheng ming 正名), die „Richtigstellung der Namen“, die als roter Faden durch diese drei Artikel führt.

Es geht mir nicht um Synkretismus oder darum zu behaupten, dass diese Traditionen identisch sind. Im Gegenteil: Erst wenn man ihre Eigenheiten sieht, kann man ihren ganzen Reichtum wahrnehmen.

Die Kulturen Indiens, Tibets, Chinas und Japans, buddhistische, taoistische, schamanistische und Shinto-Traditionen trafen aufeinander und teilten das Beste, was sie zu bieten hatten. Insbesondere in Japan. Dieser Geist der Assimilation, der in der japanischen Geschichte immer wieder zu beobachten ist, erfordert ein umfassendes Verständnis jedes einzelnen Begriffs. Damit jede Tradition ihren ursprünglichen Charakter behält, und damit wir diese Begriffe in unserer eigenen Welt korrekt integrieren können. Der seidene Faden, der diese beiden Welten verbindet, sind die Prinzipien, zu denen wir zurückgekehrt sind. Insbesondere durch die Symbolik und den numerologischen Rahmen.

Da sich diese Artikel eher an Shiatsu-Praktiker und Praktiker der chinesischen Medizin richten, schien es mir angebracht, die indischen und buddhistischen Traditionen zu vertiefen, da diese Seite des Himalaya den Praktizierenden in unseren Bereichen weniger bekannt zu sein scheint. Dennoch hoffe ich, dass Sie erkannt haben, dass ein Einblick in diese Tradition unsere Praxis sehr bereichern kann, wenn auch heute nur durch das Prisma der Fünf Elemente.

Ich wollte nicht näher auf die Verknüpfungen zwischen den Fünf Elementen in der chinesischen Tradition eingehen, da es an Informationen zu diesem Thema nicht mangelt und man sie in zahlreichen Büchern finden kann.

Ich hielt es für sinnvoller, die Struktur und die Entwicklung dieses Fünfermodells zu erläutern: zwei Aspekte, die oft übersehen werden können. Es liegt an jedem Einzelnen, die unendliche Vielfalt der Fünf Wandlungsphasen innerhalb und außerhalb des menschlichen Körpers wahrzunehmen, oft mit Unterstützung eines Lehrers. Im Anhang findet der Leser eine zusammenfassende Tabelle, die einen Überblick über all die Modelle der fünf Elemente gibt und wie man sie durch konkrete Zeichen beobachten kann.

Zum Schluss sei noch der „König der Medizin“, der bedeutende Sun Si Miao, erwähnt, der seinen berühmten Eid nicht hätte verfassen können, wenn er nicht selbst ein Anhänger des Buddhismus gewesen wäre:

Die Schüler müssen Zugang zu so vielen medizinischen Quellen wie möglich haben und unermüdlich mit größter Aufmerksamkeit studieren.
Sie dürfen über nichts anderes als den korrekten medizinischen Weg sprechen. Nur so können sie Fehler vermeiden.
Wenn ein herausragender Arzt eine Krankheit behandelt, muss er einen ruhigen Geist und ein gefestigtes Gemüt haben.
Er muss ein Vorbild an Mitgefühl und Verständnis ohne persönliche Wünsche oder Begierden sein. Er schwört einen Eid, dass er überall das Leiden der Menschen beenden wird.
Wenn jemand, der schrecklich unter einer Krankheit leidet, um Hilfe bittet, wird er nicht danach fragen, ob es sich um einen Adligen oder Gemeinen handelt, ob er reich oder arm, alt oder jung, hübsch oder hässlich ist, ob er Chinese oder Ausländer ist,  ein Verrückter oder ein weiser Mann, ob er einen Groll gegen ihn hegt, ein enger Freund oder ein Verwandter ist.
Sie sind alle gleich und er betrachtet sie, als wären sie alle seine engsten Verwandten. Er wird tiefes Mitleid empfinden und sich nicht von gefährlichen Bergen, Tag oder Nacht, Kälte oder Hitze, Hunger oder Durst oder Erschöpfung abschrecken lassen. Aus vollem Herzen wird er Hilfe leisten.
So wird er vom Volk als großer Arzt angesehen werden, wenn er gegen (diese Prinzipien) verstößt, wird er als großer Dieb der Menschheit angesehen werden.


Anmerkungen

  • [1] Auszug aus Kapitel 15 des Zhuangzi, aus dem Artikel: „Musik und Initiation: Die Symphonie von Huang Di“https://www.jeansylvainprot12.com/musique-et-initiation-la-symphonie-de-huangdi/.
  • [2] Vajra bezeichnet die Eigenschaften eines Diamanten: sowohl klar und durchscheinend als auch unglaublich fest. Die Natur Buddhas wird oft mit diesen Begriffen beschrieben, und die tantrisch-buddhistische Tradition wird Vajrayana genannt: Vajra-Pfad.
  • [3] Und für alle, die sich das fragen: Menschen mit Gehörlosigkeit nehmen den Raum anders wahr als hörende Menschen. Ein Video zu diesem Thema finden Sie in der Literaturliste.
  • [4] Dainichi-nyôrai, dessen Name ‚So kam die Große Sonne ‘ bedeutet, ist der Hauptbuddha der esoterischen Shingon-Schule.
  • [5] Stéphane Cuypers, Praktiker, Lehrer und Autor aus Brüssel. Sein Blog ist hier zu finden: Shinmon Shiatsu Blog

Weiterführende Informationen

  • Comment mieux me connaître grâce aux 5 éléments, Daniel Laurent, 2017, éditions des 5 éléments.
  • Des planètes et des mains, Yves Réquéna, éditions de la Maisnie, 1997, Guy Trédaniel.

Quellen

  • [Anmerkung der Übersetzerin: französische/englische Quellen]
  • Life, Medicine and Wisdom: Su Wen, the first eleven treatise (Das Leben, die Medizin und die Weisheit: Su Wen, die ersten elf Abhandlungen), Übersetzung von Élisabeth Rochat de la Vallée und Claude Larre, Institut Ricci, éditions du cerf, 2012.
  • Ling Shu, Band 1, Übersetzung und Kommentare von Constantin Milsky & Gilles Andrès; éditions de La Tisserande, Paris, 2009.
  • Tantra de Kalachakra (Kalachakra-Tantra), Verlag Desclée de Brouwer, 2020.
  • La symbolique des nombres dans la Chine traditionnelle (Die Symbolik der Zahlen im traditionellen China), Elisabeth Rochat de la Vallée, Sagesse Orientales Desclée de Brouwer, 2006.
  • L’Art sublime et ultime des Points Vitaux (Die erhabene und ultimative Kunst der Vitalpunkte), Henry Plée, achte Ausgabe, 2007.
  • Living with the stars: How the Human Body is connected to the Life Cycles of the Earth, the Planets and the Stars (Leben mit den Sternen: Wie der menschliche Körper mit den Lebenszyklen der Erde, der Planeten und der Sterne verbunden ist), Karel Schrijver und Iris Schrijver, Oxford, 2015.
  • Musik und Einführung in die Huangdi-Symphonie, Jean-Sylvain Prot, zu lesen in seinem Blog.
  • Arte-Dokumentation: ‚ “Les pouvoirs du cerveau, déchiffrer la conscience ( Die Macht des Gehirns, das Bewusstsein entschlüsseln – in Französisch)‚.
  • TEDx-Konferenz: Perception of space for deaf people (Raumwahrnehmung für Menschen mit Gehörlosigkeit– in Englisch)


Autor

Julien Chabert

Übersetzerin

Karin Koers
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